Mann auf dem Moordamm

Otto Modersohn

"Mann auf dem Moordamm", ca. 1938

Kreide, Kohle, Rötel auf Papier

15 x 19,8 cm / gerahmt 47 x 54 cm

Expertise Otto Modersohn Museum, Fischerhude

- mit Atelierrahmen -

N9149


Über das Werk

"zeichnen, zeichnen, immerzu zeichnen" Otto Modersohn, 7.4.1897. Das Zeichnen steht am Anfang von Otto Modersohns künstlerischer Entwicklung und nimmt zeit seines Schaffens eine zentrale Stellung ein. Der eher selbstbezogene und zurückhaltende Künstler legte bereits als 15-Jähriger seine ersten Skizzenbücher an. "Sehr früh zog mich die Natur an, die ich aufsuchte, so oft ich konnte. Ich sammelte und beobachtete mit Leidenschaft Tiere, besonders Insekten und Pflanzen. An den Winterabenden las ich mir, wenn ich nicht zeichnete, den Kopf warm an der Weltgeschichte, Sagen und Märchen", hielt Modersohn 1896 in seinem Tagebuch fest. Das Hauptthema seiner Zeichnungen war und blieb die ihn umgebende Natur, die Landschaft. Durch genaue Beobachtung und zeichnerischen Nachvollzug arbeitete der Künstler das für ihn Substantielle heraus. So bilden die Zeichnungen und Skizzen neben den Werken in Öl nicht nur einen wichtigen Bestandteil seines Œuvres, sondern geben vielmehr in der dezidierten Betrachtung einen grundlegenden Einblick in sein Kunstwollen. Eine beeindruckende Anzahl von Zeichnungen, Skizzenbüchern und Zeichenblöcken umfasst sein zeichnerisches Werk. Dieses bildet gleichsam das Gerüst, an dem sich das malerische Schaffen aufbaut. "Ich bin zur Einsicht gekommen, daß ein Künstler seine Stoffe und Darstellungen möglichst aus Verhältnissen, die ihm ganz bekannt, die ihm lieb sind, schöpfen muß", hatte Modersohn 1887 in sein Tagebuch notiert. Ebenso wie Modersohn die rein naturalistische Malweise für sich ausschloss, verwarf er aber auch die impressionistische Position. Modersohns Kunstwollen war ganz auf, so seine Worte "das Ding an sich - in Stimmung" ausgerichtet. Deutlich setzte er sich damit einerseits von der zu der damaligen Zeit an den Akademien vorherrschenden naturalistischen Ausdrucksform ab, andererseits distanzierte er sich auch von der gerade entstehenden Avantgardebewegung. Die flüchtige "Netzhaut-Malerei" entsprach nicht seinem Bedürfnis, tiefe Erkenntnisse aus der Natur zu filtern und in seiner Kunst zum Klingen zu bringen. Das "fugitif", wie es bei Charles Baudelaire heißt, die flüchtige Erscheinung, die im Impressionismus zur Konstante des künstlerischen Schaffens erhoben worden war, interessierte ihn weit weniger als das Innerliche. Otto Modersohns zeichnerisches Œuvre lässt sich in drei Kategorien unterteilen. Neben den Studien vor der Natur und den Zeichnungen, die als Vorlagen zunächst für Ölstudien und später dann für Ölgemälde dienten, entstanden auch freie Kompositionen. Zu jeder Phase seines künstlerischen Schaffens entstanden Arbeiten dieser unterschiedlichen Ausprägungen. Bei dem hier vorliegenden Blatt handelt sich um eine Zeichnung, die in Modersohns Zeit in Fischerhude entstanden ist, wohin er nach dem Tod seiner Frau Paula Modersohn-Becker 1909 übersiedelt war. Trotz der schnell entwickelten Linienschraffur erscheint das Blatt deutlich komponiert. Die markanten vertikalen und horizontalen Bildelemente strukturieren die starke Intensität der kleinformatigen Arbeit. Der Mann auf dem Moordamm bleibt Hintergrund, hier tritt der Mensch nicht vor die Natur, sondern bleibt im Bildgrund geborgen.
(Andrea Fink-Belgin)


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