Ohne Titel
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Ernst Wilhelm Nay

"Ohne Titel", 1964

Aquarell auf Karton

59,4 x 50 cm / gerahmt 93 x 84 cm

unten rechts signiert, datiert "Nay 64"
WVZ Claesges, Band 3, Nr. 54-058

- mit Modellrahmen -

N9161


Über das Werk

Im Jahr 1964 nimmt Nay zum dritten Mal an einer documenta teil. Der Kurator Arnold Bode hatte einen ganz besonderen Auftrag für ihn entwickelt: Nay sollte 3 Werke für einen schmalen, langgezogenen Raum schaffen, die Bode dann dort schräg der Länge nach unter die Decke positionierte. Nachdem der Künstler anfangs dieser Idee sehr skeptisch gegenüberstand, ließ er sich dennoch von Bode überzeugen. Neben den Werken von Sam Francis, die in unmittelbarer Nähe zu Nays Werken präsentiert worden waren, wurden diese Bilder von Ernst Wilhelm Nay zu den bekanntesten der documenta III. Heute befinden sie sich im Besitz des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg.
Das hier vorliegende Blatt ist in seiner Formsprache mit den Werken der documenta III eng verbunden. Nay arbeitete in diesem Jahr an seinen sogenannten "Augenbildern". Ebenso wie in den Werken für die Kasseler Schau finden sich auch in diesem zarten Aquarell Formelemente, die an menschliche Augen erinnern. Dabei stellt Nay das Auge spindelförmig mit einer schwarzen runden Pupille dar. Deutlich ersichtlich ist dieses Motiv in der oberen Bildhälfte links. Kombiniert wird dieses Augenmotiv mit Farbfeldern, die teilweise scheibenartige oder auch offenere Formen haben. Ebenso nutzt Nay hier die schwarze Linienführung, um neben den farblichen Aspekten durch strukturelle Elemente eine ausgewogene Komposition zu erschaffen.
Weniger handelt es sich hier um die Abbildung von Augen als vielmehr um Verweise auf das Thema Sehen an sich. Dabei evozieren die Augen sowohl den Aspekt des Schauens als auch den des angeschaut Werdens. In Nays Kunst geht es um ein archetypisches Grundelement menschlichen bzw. zwischenmenschlichen Seins und um das In-der-Welt-sein an sich. Der Mensch schaut in die Welt, um sich in dieser zu verorten und gleichzeitig wird er von seinen Mitmenschen angeschaut, damit diese sich zu ihm positionieren können. Deutlich wird hier, dass der Begriff des Schauens über die rein visuelle Betrachtungsweise hinausgeht. Das Bild fungiert als Sinnbild eines grundsätzlichen Lebensaspektes. "Diese meine Kunst teilt ja nicht mit, sondern macht sichtbar oder offenbart." Das Aquarell besticht durch seinen rhythmischen Spannungsaufbau. Die Komposition ist gleichermaßen harmonisch wie auch durch den starken Kontrast im Aufbau der beiden Bildhälften im Ausdruck intensiv. Stets arbeitete Nay daran, elementare Darstellungen zu schaffen. Das vorliegende Blatt gibt dafür ein beredtes Beispiel.
(Andrea Fink-Belgin)


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