Dame vor Waldstück
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Ernst Ludwig Kirchner

"Dame vor Waldstück", 1916

Aquarell und Bleistift auf Papier

53 x 36 cm / gerahmt 84 x 69 cm

bezeichnet
rückseitig Nachlass-Stempel mit Nummerierung

- mit handgearbeitetem Modellrahmen und spiegelfreiem,
UV Strahlen absorbierendem Glas -

N9261

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Über das Werk

Die Jahre ab 1915 bedeuteten für Ernst Ludwig Kirchner eine schwierige Lebens­phase. Der Ausbruch des Ersten Welt­krieges und die Ausbildung als Rekrut beim Militärdienst in der Kaserne in Halle an der Saale stürzten den sensiblen Künstler in eine existentielle Krise, die sich durch Alkohol- und Medikamenten­missbrauch drastisch verschlimmerte. Einen Ausweg aus der zunehmenden psychischen und physischen Zerrüttung suchte Kirchner in den Jahren 1915 bis 1917 bei mehreren Aufenthalten in Sanatorien in Königstein im Taunus, in Berlin-Charlottenburg und in Kreuzlingen am Bodensee. Von Dezember 1915 bis Juli 1916 weilte Kirchner mit kurzen Unter­brechungen im Sanatorium Dr. Kohn­stamm in Königstein zur Behandlung seines­ Nervenleidens. Das dabei fortgesetzte und intensive künstlerische Arbeiten gab ihm in dieser Zeit einen wichtigen inneren Halt. Es entstanden Werke von größter Eindringlichkeit: Darstellungen der umgebenden Taunuslandschaft sowie der „Nervösen”, wie Kirchner die Patienten des Sanatoriums nannte. Vor dem Hinter­grund des Lebens in einer seelischen und körperlichen Grenzsituation steigerte sich Kirchners Bildsprache mehr und mehr zu einer hypersensiblen, nervös-erregten Ausdrucksgebärde, welche die inneren Anspannungen unmittelbar auf das Papier bannen will. Vor allem Kirchners Aquarelle entfalteten zu dieser Zeit die Wirkung von hektischen Psychogrammen, in denen er das Beobachtete emotional-expressiv zu durchdringen suchte. Mit raschem, dynamisch-lockerem Bleistift- und Pinselgestus ist in der vorliegenden Darstellung die Erschei­nung einer spazieren gehenden Dame vor der Kulisse einer Waldlandschaft mit Tannen notiert. Figur und Natur bleiben skizzenhaft ange­deutet, das Motiv löst sich in einzelne Farb­flecken und Pinselspuren auf, der offene Blatt­grund ist an vielen Stellen in die Komposition mit einbezogen und trägt zusammen mit der fragilen Bildgliederung ganz wesentlich den Ausdruck einer flüchtigen Momentaufnahme. Bei der stark überlängten Figur der schlanken Dame, die in seltsam statuarischer Streckung fast geisterhaft, gleichsam als Vision, vorüberschreitet und das knappe Bildfeld im nächsten Augenblick verlässt, handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine Patientin der Nervenheil­anstalt - und damit um eine Schicksals­gefährtin des Künstlers. Kirchners Zeichenstil erfährt gerade in den Arbeiten aus Königstein eine zuvor nicht gekannte feinnervige Zuspitzung und besticht zugleich durch eine bemerkenswerte Zartheit und suggestive Aussagekraft.
(Andreas Gabelmann)


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